Die Herbertstraße – in vielerlei Hinsicht „reizend“

Ich bin dafür, dass der Bereich zwischen Davidstraße und Silbersackstraße ab spätestens 20 Uhr für Führungen gesperrt wird! Und ja, die Hamburg-Lotsen bieten auch Kieztouren an – aber nicht um jeden Preis.

Den Wenigsten ist bekannt, dass wir die berühmte Herbertstraße den Nazis „zu verdanken“ haben. Prostitution und Striptease waren verboten; waren jedoch so St.-Pauli-typisch, dass ein ganzheitliches Verbot nicht durchsetzbar war. Jedoch grenzte man das Treiben auf eine einzige Gasse ein – die Herbertstraße.
Um der „arischen Familie“ (Mutter und Kind) den Blick auf das zu verwehren, was nicht sein durfte, wurden die Wände als Sichtschutz auf beiden Seiten aufgestellt. Die Geburtsstunde des Mythos Herbertstraße.

Hier bieten Frauen in Fenstern sitzend den Männern ihre Dienste an; für Frauen und Minderjährige ist der Zugang zur Herbertstraße nach wie vor nicht gestattet. Wobei festzuhalten ist: Es gibt keinen rechtlichen Hintergrund für dieses „Verbot“; theoretisch ist die Straße für alle zugänglich. Warum sich trotzdem so viele an das „Verbot“ halten? Aus Respekt! Denn die Damen sind dort nicht für Gaffer ausgestellt; sie arbeiten dort. Von dieser Arbeit kann man halten, was man will. Man kann über Prostitution in Verbindung mit Frauenverachtung, Menschenhandel usw. diskutieren. Aber Verallgemeinerungen entsprechen selten der Wahrheit. Bei weitem nicht alle Huren arbeiten unter Zwang (schon gar nicht auf St. Pauli). 
Menschenverachtend und respektlos ist es jedoch, sich „mal eben“ hinter die Mauer zu schleichen, um (egal ob Mann oder Frau) ein Selfie mit den Huren im Hintergrund zu machen.

Zwischen 20 Uhr abends und sechs Uhr morgens dürfen die Liebesdienste auf der Straße angeboten werden. Natürlich nicht überall; nur an einigen Ecken zwischen Davidstraße (Westseite) und der Silbersackstraße sieht man die Damen des Gewerbes an der Straße stehen. Seit einigen Jahren immer mehr gebeutelt durch Junggesellenabschiede und respektlosen Kieztouren (die jeder durchführen DARF, aber nur die wenigsten durchführen KÖNNEN). Mancher Neuling unter den Stadtführern sucht sich eine fachliche Nische; einen USP – etwas, das die anderen nicht anbieten. Und alle Jahre wieder kommt jemand auf die dumme Idee, einen Gang durch die Herbertstraße anzubieten. Anfänger…

Wer St. Pauli verstanden hat, der hält auch die Grundwerte des Quartiers in Ehren: Akzeptanz. Toleranz. Respekt. Wer St. Pauli liebt, der gibt dessen Geschichte weiter (und die ist bemerkenswert!). Und wer zudem seinen Job beherrscht, der schafft das ohne die Zurschaustellung von Bewohnern und hier lebenden/arbeitenden Menschen.

Immer mal wieder keimt die Idee auf, die Wände der Herbertstraße zu entfernen, um auch Touristen den Zugang zur berühmtesten Gasse Hamburgs zu ermöglichen. Ich bin da völlig anderer Meinung: Das Rotlichtquartier und mit ihm die Wände der Herbertstraße sind Teil der Hamburger Geschichte. Es wird Zeit, diesen Teil der Geschichte zu schützen und den Bereich zwischen Davidstraße und Silbersackstraße/zwischen Bernhard-Nocht-Straße und Reeperbahn für Führungen ab spätestens 20 Uhr zu sperren.

Und die Damen vom Gewerbe: Die sind da nicht ausgestellt – die arbeiten da.  Ich zitiere einen (zu Recht) oft gehörten Satz: „Nimm die Kamera runter, Du Arsch!“ Herzlich willkommen auf St. Pauli! Fühlt Euch wie zuhause – aber bitte benehmt Euch auch so.